Bau- und kunsthistorische Bedeutung der Dorfkirche Neeken aus denkmalpflegerischer Sicht
Geschrieben von: Dr. Holger Brülls 30. April 2010
Die Neekener Kirche gehört zu den interessanten romanischen Dorfkirchen der Kunst- und Kulturlandschaft rund um Dessau.
Im Unterschied zur Kirche im Nachbardorf Rodleben, deren mittelalterliche Kubatur und Raumgestalt weitgehend ungestört erhalten geblieben ist, zeigt das Neekener Gotteshaus markante bauliche Veränderungen aus nachmittelalterlicher Zeit, Umbau und Neugestaltung seit der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts gaben der mittelalterlichen Kirche ein indivuelles frühbarockes Gepräge, das von der klassischen Baugestalt hiesiger hochmittelalterlichen Dorfkirchen charakteristisch und reizvoll absticht.
Die Kirche ist ein langgestreckter, vergleichsweise schmaler und hoher, innen flachgedeckter Saalbau aus Feldsteinen in schmucklosen romanischen Architekturformen, Presbyterium und halbrunde Chorapsis, wie sie in Radleben erhalten sind, fehlen in Neeken.
Sie wurden offensichtlich im Zuge des barocken Ausbaus der Kirche im 17, Jahrhundert durch die damals geschaffene Verlängerung des Kirchensaals um ein Drittel nach Osten ersetzt Der Kirchenraum hat seither nach Osten einen flachen Raumabschluss.
Die leicht eingerückte Chorostwand ist in Fachwerk aufgeführt.
Der ebenfalls in Fachwerk ausgeführte Dachreiterturm, der den Westgiebel bekrönt und in dem eine wertvolle spätmittelalterliche Bronzeglocke aus der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts hängt, entstammt ebenfalls der barocken Umbauphase.
So zeigt sich heute der westliche Teil der Kirche mit seinen hochliegenden und schmalen Rundbogenfenstern noch in weitgehend ursprünglicher Baugestalt der Romanik, während das östliche Raumkompartiment mit seinen großen Fenstern als barocke Saalarchitektur erscheint.
Baugestalt und Ausstattung, wie sie heute vor Augen stehen, verdankt die Neekener Kirche Stiftungen der Patronatsherrschaft derer von Davier.
Im Kirchenschiff ist die Geschichte des Patronats durch das Renaissancepitaph des Asmus von Davier von 1561 (mit Darstellung als Ritter vor dem Kreuz knieend), desweiteren durch einen frühbarocken gemalten Totenschild für Volrat von Davier mit dem Bildnis des 1663 Verstorbenen eindrucksvoll dokumentiert.
Die Umgestaltung, die die Kirche seit dem mittleren 17. Jahrhundert erfuhr, machten den mittelalterlichen Raum für die Anforderungen des protestantischen Predigtgottesdienstes brauchbar.
Zugleich aber entsprach diese Erweiterung und Neugestaltung dem offensichtlich stark ausgeprägten Repräsentationsbedürfnis der Patronatsherren.
Indem der Chor um 1650 unter Volrat von Davier nach Osten in der Breite des romanischen Saals verlängert wurde, entstand ein lichtdurchfluteter Altarraum mit großen Fenstern, in dem Altar und Kanzel als Prinzipalstücke des evangelischen Gottesdienstes gleichberechtigt beieinander stehen.
So wurde aus dem mittelalterlichen Kirchenschiff innen ein barocker Predigtsaal von ganz zeitgenössischem Gepräge.
Die Besonderheit der Neekener Kirche besteht in der Tatsache, dass der Raum nicht wie üblich auf drei Seiten U-förmig von Emporen und Priechen umgeben ist.
Mit dem doppelgeschossigen logenartigen, von außen separat zu betretenden Aufbau der Herrschaftsemporen an der östlichen Stirnseite hinter dem Altar ist eine raumumlaufende und darin quasi zentralisierende Emporenkirche von repräsentativem, fast höfischem Charakter entstanden, wie sie in dieser Form ansonsten nur in anspruchsvollen Schlosskapellen und -kirchen anzutreffen ist.
Beherrschender Raummittelpunkt ist der Altar mit einem Retabel, dem ein als großer Tondo ausgeführtes Altarbild mit der Darstellung einer Kreuzabnahme den Charakter des Außergewöhnlichen gibt.
Das Rundbild ist seitlich flankiert von Säulen mit reichem Akanthusschnitzvverk.
Auf den Säulenpostamenten befinden sich Wappen der Stifter und Patronatsherren Carl von Davier und Dorothea von Lattorf. Die Altarmensa flankieren zwei geschnitzte Engel mit Palmwedeln.
Die künstlerische Durchbildung ist, wie ein Blick auf die drolligen Engel zeigt, im Detail kräftig und ländlich derb.
Der architektonische Aufbau und die individuelle Formgebung mit dem großen Rundbild ist jedoch ungewöhnlich und repräsentativ.
Seitlich vor der Südwand positioniert, ist die barocke Kanzel auf hoher gedrehter Säule in gleicher Weise raumbestimmend wie der Altar.
Die Trias der Prinzipalstücke wird vervollständigt durch eine steinerne Taufe auf vierseitigem Fuß mit achtseitigem Becken und Inschriftkartusche (1669), die die Mittelachse des Raumes einnimmt.
Die besondere Bedeutung dieser Dorfkirche ist in der vollständig und reichhaltig erhaltenen Raumform und Ausstattung des Frühbarock zu sehen.
Liturgische Notwendigkeit und herrschaftliches Repräsentationsbedürfnis finden hier in seltener Prägnanz zu einem kleinen Gesamtkunstwerk des frühen Barock zusammen.
Die bereits in Angriff genommene Sicherung, die denkmalgerechte Instandsetzung und Restaurierung der Neekener Kirche und ihrer wertvollen Ausstattung sind daher als ein wichtiges denkmalpflegerisches Anliegen einzuschätzen.
Ihm kommt besondere Bedeutung für die anhaltische Kunst- und Kulturlandschaft zu, wenn diese in ihrem Reichtum künftig auch jenseits der allbekannten und starkbesuchten UNESCO-Welterbestätten wahrgenommen werden will.






Ilse Anker
Pfr. J. Tobies
Christa Wellmann
Neeken