Evangelische Kirche in Rosslau - Stadt Dessau-Rosslau Evangelische Kirche in Rosslau - Stadt Dessau-Rosslau Evangelische Landeskirche Anhalts

Viel Arbeit mit Kreuz und Kuppel

PDFDruckenE-Mail

Mitteldeutsche Zeitung - Internet-Ausgabe

Klempnermeister und Restaurator Sven Ballandat verleiht Wahrzeichen neuen Glanz

Arbeit am TurmkreuzGespannt waren Sven Ballandat und die anderen Bauleute, als sie das Gerüst am 50 Meter hohen Turm von St. Marien erklommen und wohl als erste seit der Einweihung der Roßlauer Stadtkirche im Jahre 1854 die Turmspitze wieder von Nahem betrachten konnten. Doch der Spannung folgte Erschrecken.

Gespannt waren Sven Ballandat und die anderen Bauleute, als sie das Gerüst am 50 Meter hohen Turm von St. Marien erklommen und wohl als erste seit der Einweihung der Roßlauer Stadtkirche im Jahre 1854 die Turmspitze wieder von Nahem betrachten konnten. Doch der Spannung folgte Erschrecken.

"Ja, wir waren wirklich erschrocken über den schlechten Zustand, in dem sich die Zinkkuppel und das Kreuz befanden", berichtet der Roßlauer Klempnermeister. Durch eine defekte Dichtung war über Jahrzehnte Regenwasser in den 2,40 Meter tiefen Hohlraum des Balkens gelaufen, in dem der "Kaiserstiel", der Fuß des insgesamt fünf Meter hohen Kreuzes ruhte. Das war nun unverrückbar darin festgerostet, musste zur Restaurierung abgetrennt werden. Den unteren Teil stemmten die Bauarbeiter dann mit Hilfe eines Lkw-Wagenhebers mühsam aus der hölzernen Halterung.

Am Boden folgte die Ernüchterung: Eine Aufarbeitung des Kreuzes ist nicht möglich, würde das Original gar zerstören. Sven Ballandat benutzt es nun als Vorlage für eine Kopie. Die ebenfalls verrosteten Applikationen werden nachgegossen. Das ursprüngliche Kreuz soll als Museumsstück an der Kirche aufgestellt werden.
Für die Sanierung von St. Marien gingen bei der Kirchengemeinde nicht nur zahlreiche Spenden ein, auch tatkräftige Hilfe wird geleistet. Die Schiffswerft fräst zum Beispiel den Nut, der Längs- und Querträger verbindet. Hier schließe sich ein Kreis, meint Sven Ballandat. Das Original-Kreuz von St. Marien sei nämlich in der Roßlauer Firma Sachsenberg (Werft und Maschinenfabrik) gefertigt worden.

Bis Ende Juli soll die sanierte Roßlauer Stadtkirche nicht nur ein neues Kreuz, sondern auch eine neue Kuppel erhalten. Das Original liegt bei Klempner Ballandat im Hof. "Es ist so verrottet, dass schon einige Teile heruntergefallen waren", schildert er den Zustand. Die neue Haube fertigt er mit Hilfe hölzerner Modelle. Eine komplizierte Arbeit, müssen die 120 einzeln gefertigten Teile doch an 296 Punkten exakt zusammenpassen.

Für den Handwerksmeister gibt es seit Wochen nur diese eine Aufgabe, an der er täglich bis zu zwölf Stunden arbeitet. Dass ausgerechnet der Roßlauer Sven Ballandat von der Kirchengemeinde mit diesem Auftrag betraut wurde, kommt nicht von ungefähr. Ballandat ist nicht nur Klempnermeister, sondern auch Metallbaumeister und geprüfter Restaurator.

Schon als Kind fühlte er sich in der Werkstatt heimisch, die sein Großvater Paul Becker seit 1934 in der Hauptstraße betrieb und die der Enkel später übernommen hat. "Für mich kam kein anderer Beruf in Frage, ich wollte schon immer selbstständiger Handwerker werden", blickt der 35-Jährige zurück. Den Meisterabschlüssen folgte ein Studiengang "Restaurator im Handwerk" sowie ein Denkmalpflege-Studium in Venedig. So sind nicht nur Wasserhähne, Abflüsse und Dachrinnen, sondern auch historische Türen und Kirchturmkugeln bei ihm in guten Händen.

Selbst Vergolden hat der junge Mann gelernt. Wie es aussieht, bekommt die Gemeinde St. Marien sogar das Geld zusammen, um das Kirchenkreuz vergolden zu lassen. 30 000 Quadratzentimeter Blattgold würden gebraucht, um es weit über Roßlau erstrahlen zu lassen. Die Entscheidung, ob diese anspruchsvolle Arbeit in Ballandats Werkstatt ausgeführt wird, ist allerdings noch nicht gefallen.

Wer übrigens in der Turmkuppel von St. Marien irgendwelche Schätze vermutet hat, der wurde enttäuscht: Keine Zeitung, keine Dokumente, keine Münzen. Außer Schmutz und Spinnweben barg der Hohlraum nichts. Auch Sven Ballandat hatte mehr erhofft. Nicht in jeder, aber doch bei vielen Kirchturmspitzen, die er bisher unter anderem im Berliner und Brandenburger Raum restauriert hat, waren die Bauleute fündig geworden. Und auch im Grundstein von St. Marien sind laut Archiv eine Bibel, ein Gesangbuch, eine Urkunde sowie "Nachrichten über die Stadt Roßlau und das Herzogtum Anhalt-Köthen" eingemauert.

Ein Relikt hat der Restaurator jedoch entdeckt. Hoch oben auf der Turmkuppel hat sich ein Franz Kähle (oder Zähle) verewigt. War das der Handwerker, der sie gebaut hat? "Dokumente darüber gibt es nicht. Vielleicht weiß ja ein Roßlauer, wer dieser Mann war und was er mit dem Bau von St. Marien zu tun hatte", bittet Sven Ballandat um Hinweise.