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Erdbeben in Chile

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chile2Mehr als eine Woche ist es nun her, dass in Chile in der Nacht vom Freitag zum Samstag 26. - 27. Februar gegen 3.30 Uhr Ortszeit die Erde bebte.

Geologisch gesehen, war es ein unglaublich interessantes Ereignis. Menschlich gesehen war es eine schreckliche Katastrophe.

Angefangen hat alles mit einem leichten Schaukeln des Bettes, vergleichbar mit mittlerem Seegang auf offenem Ozean. Dieses leichte Wackeln kommt häufig vor und wird als „temblor“ bezeichnet. Geologisch sind das Beben bis zur Stärke 5 bis 6 auf der Richterskala.

Diese Wackeln weckte uns etwa gegen halb 4 Uhr morgens, erschreckte uns aber nicht.

Miguel meinte zu mir: "Siehst du das ist ein Temblor. Brauchst dir aber keine Sorgen machen, das ist in Chile ganz normal. Das geht gleich wieder vorbei".

10 Sekunden etwa blieb es bei diesem Wackeln, dann wurde es schon ein reges Er(d)-zittern.

chile1Die Fensterscheiben klirrten.

Unsere, zum Glück, hielten der Bewegung stand und zerbrachen nicht.

Nach weiteren fünf Sekunden und einer deutlich spürbaren Erhöhung kinetischer Energie, öffnete sich unser Schrank und alle Sachen fielen heraus, die ich einen Tag vorher erst, alle fein säuberlich zusammengelegt, einsortiert hatte.

Im Bad war der Spülkastendeckel auf die Fließen gestürzt und schäpperte da rege vor sich hin.

Ich dachte, das es jetzt doch langsam aufhören könnte, aber leider wurde es noch stärker.

Miguel war inzwischen ebenfalls nervös geworden: "Uy das ist ein Terremoto!" Wobei dieses "Terremoto", was man mit Erdbeben übersetzen kann, in Chile wirklich nur für Beben mit Magnituden größer 7 mit folgeschweren Schäden benutzt wird.

chile3Inzwischen war auch die erste unsere Lampen geräuschvoll herunter gesaust und auf dem Wohnzimmertisch in ihre Einzelteile zerfallen.

Einen Moment später war das Licht aus und von draußen drangen Explosionen und Geräusche von Chaos herein.

Das dominierende Geräusch aber blieb die ganze Zeit ein tieffrequentes Grollen der Erde.

Ich sah meinen Computer zu Boden stürzen ("abgestürzt" im wahrsten Sinne des Wortes!) und versuchte nun doch langsam mal auf die Beine und aus dem Bett zu kommen.

Es war praktisch unmöglich, aufzustehen.

Auf dem Rummel gibt es ein Karussell, dass Hexenkessel genannt wird.

chile4So in etwa fühlt es sich an.

Noch ein paar Sekunden, die sich wie Jahre anfühlten, blieben wir Opfer der Physik (Massenträgheit).

Dann von einem Moment zum anderen war es vorbei.

Wir krabbelten aus dem Bett und versuchten, straßentaugliche Kleidung anzuziehen.

Etwa fünf Stunden später werde ich merken, dass ich beim Pullover vorne mit hinten vertauscht hatte.

In dem Moment aber kam ich mir unglaublich ruhig vor.

Wir suchten Taschenlampe und ich noch Ausweis, Krankenversicherung und ein Kuscheltier zusammen, stopften alles in einen Rucksack und verließen schnellstmöglich die Wohnung.

chile5Die Treppe war vollkommen zugestaubt und überall lagen Fassadenteile.

Der Vollmond schien unglaublich hell in dieser Nacht und leuchtete uns den Weg zur Wohnung der Mama von Miguel, der in dem Moment unsere einzige Sorge galt.

Da sie mit über 70 und ganz allein zu Hause.

Da man in solchen Momenten wegen Einsturzgefahr und Nachbeben die Wohnung verlässt, trafen wir auch alle unsere Nachbarn auf der Straße wieder.

Viele noch im Nachthemd nur mit einem Bademantel bekleidet.

Andere hatten ihre Kleidung auf dem Arm oder andere Sachen, die sie sich schnell gegriffen hatten.

Der Weg war ruhig, vereinzelt sauste ein Auto vorbei, in Sorge um Familienmitglieder, quer durch die Stadt.

Verkehrsampeln gab es nicht mehr.

Da es keine Straßenbeleuchtung gab, versuchten wir herannahende Autos mit unseren Taschenlampen auf uns aufmerksam zu machen.

So fanden wir nach einigen - wie Stunden gefühlten - Minuten Fußweg auch die Mama von Miguel, im rosa Bademantel und mit ihrem Hund auf dem Arm.

Sie saß auf einer Bank im Park und blickte aus sicherer Entfernung auf ihre Wohnung.

Das Dach hatte einen ziemlichen Riss erhalten und man konnte schon jetzt sehen, dass sie dort wohl nicht mehr würde leben können.

Nach einigen Minuten trafen auch weitere Verwandte mit ihren Partnern ein.

Allen geht es gut.

Strom gab es keinen.

Es gab aber Wasser und Gas.

Ohne Strom gab es aber keine Informationen, weshalb wir das Ausmaß des Bebens auch erst ein par Tage nach dem Terremoto realisierten.

In Befürchtung, dass das Wasser auch wegbleiben könnte, gingen wir auf Wasserreserven suche.

Besorgten Batterien und ein Taschenradio.

Alles was im Kühlschrank war, versuchten wir zu verzehren, da es ja sonst verderben würde.

Man muss den Chilenen in Rancagua zu gute halten, dass trotz der Situation, die Preise für Wasser und Batterien konstant blieben.

Keiner versuchte aus der Situation Profit zu schlagen. Ganz großes Lob dafür.

Die Tage danach (ein Wochenende) bestanden zunächst aus Warten, Schäden sichten, Essen, Schlafen, Kerzen besorgen, Reparieren, was zu reparieren war und hoffen, dass die Nachbeben (auf chilenisch "réplica") nicht katastrophal ausfielen.

Diese réplicas sind nervenaufreibend.

Stärker als jedes Erdbeben im Niederrheingraben.

Besonders im fünften Stock spürt man die Macht noch sehr.

Die Fenster klirren und jedes Mal fragt man sich, ob es diesmal aufhört oder wie in dem Erdbeben mit jeder Sekunde stärker wird.

Man fühlt sich wie auf einem Schiff im Sturm ohne Wind.

Es zieht einem die Füße unterm Körper weg.

Nur ein cm in jede Richtung, aber doch ausreichend, um jedes Mal wieder weiche Knie zubekommen.

Drei bis viermal am Tag gibt es diese réplicas. Manchmal öfter, manchmal nur Nachts, manchmal nur am Morgen.

Oder so wie heute: 8.00 Uhr, 15.30 Uhr.

Man gewöhnt sich schon fast dran.

In den Häusern merkt man die Beben nur, wenn sie stärker als 4 bis 5 auf der sog. Richterskala sind.

Deshalb suchen wir jetzt auch ein anderes Haus zur Miete.

Aber fast jeder tut das.

Viele Häuser sind eingestürzt oder nicht mehr bewohnbar, andere wohnten im 20. Stock und wollen wieder festen Boden unter den Füßen haben.

Wir suchen aber weiter.

Ich hab mir jetzt in den Kopf gesetzt, dass ich eine Katze will.

Wenn es wieder ein Erdbeben gibt, wird sie mein Frühwarnsystem.

Vielleicht funktioniert es ja.

Wenn nicht, tut es gut in diesen Momenten etwas zu haben, was man beschützen und um das man sich kümmern kann.

Das macht einen stärker und beruhigt.

Nur aus den Nachrichten kenne auch ich, dass der Süden um Concepción in Trümmern liegt.

Es gibt wohl nächtliche Ausgangssperren.

Wasser und Strom gibt es im Süden wohl überhaupt nicht.

Hier in meiner Wohnung gibt es wieder alles. Sogar Internet.

Am Ausgang der Supermärkte stehen die landeseigenen Hilfsorganisationen, Caritas, hogar de cristo und andere, die Milch, nichtverderbliche Lebensmittel, Salz, Zucker, Windeln usw. sammeln.

Das wird in Kisten verpackt und dann vom Militär im Süden verteilt.

Im Fernsehen wird Hoffnung vermittelt. Parolen wie: Vamos Chile - Vorwärts Chile, levantamos Chile - lasst uns aufstehen Chile.

Aktionen wie "Chile hilft Chile" werden ins Leben gerufen.

Geld wird gesammelt um im Süden „billig“ Fertighäuschen zu bauen.

Jeder kann einen Antrag stellen.

Man muss zum zuständigen Ministerium gehen und nachweisen, dass das eigene Haus nicht mehr steht.

Man ist hier stolz auf sein Land.

"Wir schaffen das, Chile!"

Symbole werden geschaffen.

Zum Beispiel Bruno, der eine verdreckte Chilefahne hochhielt und damit zum Symbol des Neuanfangs und der Hoffnung geworden ist.

Man ist dankbar für ausländische Hilfe, aber die Chilenen sind stolz. Man spürt, sie wollen aus eigener Kraft wieder aufstehen.

Sie wollen sich nicht unterkriegen lassen.

Geschimpft wird auf die Ingenieure, dass sie nicht besser konstruiert haben.

Unter Freunden gibt man mit den Schäden an: "Wie du hast noch 2 Tassen im Schrank??? Bei mir sind alle kaputt gegangen außer eine!"

Denen, die Angehörige verloren haben, wird ernsthaftes Mitgefühl entgegengebracht.

Denen, die ihre Häuser verloren haben, ebenfalls.

Gejammert wird nicht.

Wenn einer anfängt depressive Stimmung zu verbreiten, wird er mit einem freundlichen aber Bestimmten: "Yaaaaaa, sei nicht so anstrengend!" zurecht gewiesen.

Gleich am Samstag sah man die Menschen die Trümmer wegräumen, Dächer reparieren und man versucht, zur Normalität zurück zu kehren.

"Wir sind eben Chilenen, bei uns gibt’s keine halben Sachen. Wenn es Dicke kommt, dann eben auch richtig", lacht ein Bekannter bei einem Bierchen.

Man verweist auf 1960 und 1985.

Es ist nicht das erste Mal, dass es wackelt.

Man kennt das Problem.

Allen ist klar: In 20 Jahren, vielleicht früher, vielleicht später, wird es wieder beben.

"Wir tun unser bestes und dann hilft nur noch beten."